Logo Evangelische Kirchengemeinde Alsfeld - Bild Walpurgiskirche.
 Design-Element.
Startseite   Kontakt   Galerie   Sitemap   Links   Impressum   Datenschutz   
 Design-Element.
Sie befinden sich hier: Aktuell / Andachten / Predigt zur Ausstellung „Totentanz“ /  Druckansicht
 Design-Element.

Die Gemeinde

Aktuell
 Pfeil.  Andachten
 Aufzählungspunkt.  Andacht von Pfr. Peter Remy, März 2020
 Aufzählungspunkt.  Predigt zur Ausstellung „Totentanz“
 Pfeil.  Gemeindebrief
 Pfeil.  Advent und Weihnachten

Gottesdienst

Veranstaltungen

Gruppen

Menschen

Kirchenmusik

Kindertagesstätten

Archiv




Predigt zur Eröffnung der Ausstellung „Totentanz“ am 1.3.2020 in der Dreifaltigkeitskirche Alsfeld

Ausstellung "Totentanz" in der Dreifaltigkeitskirche Alsfeld

>>> Foto-Galerie zur Ausstellung "Totentanz" in der Dreifaltigkeitskirche

Liebe Gemeinde,

die Bilder, die uns umgeben, sind verstörend und bedrängend. Mir geht es so, dass ich immer nur einen kurzen Blick wage und dann wieder wegschaue. Und doch muss ich immer wieder hinschauen, die Motive ziehen mich magisch an, sie faszinieren und erschrecken mich, beides. Und selbst wenn ich nicht hinschaue, habe ich das Gefühl, diese Bilder schauen mich an. Sie konfrontieren mich, und selbst von außerhalb meines Gesichtsfeldes fixieren sie mich und sitzen mir im Nacken. Es ist kaum möglich, sich diesen Bildern zu entziehen. „Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“: So hat der Dichter Rainer Maria Rilke einmal seine Empfindungen beim Anblick eines verstörenden Kunstwerkes ausgedrückt und hat hinzugefügt: „Du musst dein Leben ändern.“ Vielleicht ist das am Ende auch die stille Botschaft hinter den Bildern des „Totentanzes“ von Hellmuth Pranz: „Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“ Wir werden es sehen.
Lange haben wir überlegt, wie und wo wir diese Ausstellung präsentieren und wie wir es mit der Eröffnung halten. Es ist uns bewusst, dass es auch eine Zumutung ist, Sie heute hier sitzen zu lassen, direkt zwischen diesen Bildern, die uns anschauen, so unausweichlich.
Wir haben uns dafür entschieden, weil wir nicht alleine hier sitzen, sondern miteinander - als Christen und Bürger, als Andersgläubige und Nichtgläubige, als Menschen allzumal, und das ist entscheidend. Denn wir sitzen hier nicht nur nebeneinander, sondern miteinander, als Mitmenschen. Und noch in einem tieferen Sinne sitzen wir nicht alleine hier. Denn diese Ausstellungseröffnung ist zugleich ein Gottesdienst, eine gottesdienstliche Vernissage: Gott ist da. Wir sind da. Das ist genug. Wir feiern Gottesdienst, heute am ersten Sonntag der Passionszeit.
„Passion“ heißt „Leiden“ und zugleich auch „Leidenschaft“. Christen denken in diesen Wochen vor Ostern an den Weg des Leidens und der Leidenschaft Jesu. Jesus hat von sich selber als „Menschensohn“ gesprochen, ein wunderbarer Hoheitstitel, weil er sich damit eben gerade seiner Hoheit entäußert und an seine Leidenschaft für die Menschen erinnert, eine Leidenschaft, die bis zum Letzten ging, bis zur Hingabe seines nackten Lebens, bis zum Tod am Kreuz.
So wurde das Kreuz bereits in der frühen Christenheit zum zentralen Zeichen des christlichen Gottesdienstes. Ein Bild, das für die Zeitgenossen damals verstörend und bedrängend war, ja anstößig und skandalös. Vor allem deshalb, weil die Christen bekennen, dass Gott selber am Kreuz gegenwärtig ist. Der gekreuzigte Gott! Da ist kein „Heil dir im Siegerkranze!“ Da ist das „Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“ so wie auch in manchem der Bilder von Hellmuth Pranz. Ein Kreuz findet man in seinen Bildern nicht, aber ich finde, es ist dennoch da.
Im Bild des Kreuzes liegt der Kern der christlichen Botschaft: Gerade im tiefsten Leidens, gerade am Kreuz, ist Gott gegenwärtig. Der Gott, der uns schwach werden lässt, weil er selber schwach wird für uns. Der Gott, der uns seine Kraft erfahren lässt, gerade an der Grenze des Lebens. Der Gott, der uns trägt im Unerträglichen.
Der Erlöser als Gekreuzigter, das war damals in der Antike ein geradezu „unanständiges“, gotteslästerliches Gottesbild. Ein Gottesbild, das darum auch verhöhnt wurde. So ist die älteste erhaltene Darstellung des Gekreuzigten eine Karikatur, ein antikes Graffitibild sozusagen. Auf dem Palatin in Rom zeigt es den Gekreuzigten mit Eselskopf, davor ein Beter und darunter die spöttischen Worte: „Alexamenos betet seinen Gott an!“ Der heidnische Karikaturist machte sich offenbar lustig über einen ihm bekannten Alexamenos, der Christ geworden war und der Religion des Gekreuzigten anhing.
Der Apostel Paulus sagt in unserem Lesungstext:
Wir (dagegen) verkünden Christus, (den Erlöser) als Gekreuzigten; das erregt bei den Juden Anstoß und für die Griechen ist es eine Torheit. Doch für alle, die Gott berufen hat – ob es Juden sind oder Griechen – ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
(1. Korinther 1, 23-25).
Es gibt Motive im Bilderzyklus von Hellmuth Pranz, in denen für mich etwas von dieser „göttlichen Torheit“ und dieser „göttlichen Schwachheit“ aufscheint: Das Kind etwa, das sich in den Armen des Todes festhält wie in den Armen seiner Mutter oder seines Vaters; die Sense, die im Sandkasten liegen geblieben ist neben dem Spielzeugförmchen; der Tod, der Kasperletheater spielt oder der sich als alter Mann dem Jüngeren von hinten nähert und ihm mit einer liebevollen Geste die Augen zuhält, mit Rosenblüten, die er ihm auf die Augen drückt. „Totentanz“-Momente sind das. Momente, die „die Verhältnisse zum Tanzen bringen“. Mitten im Leben der Tod. Mitten im Tod das Leben.
Und doch ist es am Ende wie im wahren Leben. Am Ende gibt es kein Entkommen und auch nichts zu beschönigen, wenn der Tod in das Leben einbricht, von dem wir alle wissen und den doch keiner von uns Lebenden wirklich schon kennt.
Mit dieser unausweichlichen Wahrheit konfrontieren uns die Bilder des Totentanzes. Und mit dieser unausweichlichen Wahrheit konfrontiert uns das zentrale Bild in jeder christlichen Kirche: Das Kreuz, das nicht leer ist, sondern an dem einer hängt. Ecce homo. Seht, welch ein Mensch! Schauen Sie nachher einmal bewusst auf das Kruzifix am Hauptaltar dieser Kirche – da wird nichts versteckt von dem Elend und der Dramatik des letzten Kampfes und des Todes. Die christliche Erlösungshoffnung blendet die erschütternde Wirklichkeit des Todes nicht aus, sondern geht durch sie hindurch. Billiger ist die Erlösung in Christus nicht zu haben. Deshalb ist sie immer wieder so anstößig. Dietrich Bonhoeffer sagt: „Das ist das wunderbare und viele Menschen so abschreckende Thema der Bibel, dass das einzig sichtbare Zeichen Gottes in der Welt das Kreuz ist.“
Zu dieser Erkenntnis können uns auf ihre Weise auch die verstörenden Bilder von Hellmuth Pranz führen. Sie muten uns die Todeswirklichkeit ganz unverstellt zu. Nein, der Tod ist kein Freund des Menschen. Auch wenn er sich zuweilen freundlich zu verkleiden versteht. Paulus sagt das in seinem 1. Korintherbrief in seinen Gedanken zur Auferstehung am Ende ganz deutlich, wenn er sagt: „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod“. Und Dietrich Bonhoeffer, von dem uns überliefert ist, dass er am 9. April 1945 mit großer Gefasstheit den Weg zum Galgen ging, hat mit seinem redlichen Blick und trotz aller Gewissheit seines Glaubens gesagt: „Die Auferstehung ist nicht die Lösung des Todesproblems!“ Denn das ist die unverrückbare menschliche Erfahrung, dass der Tod uns ein Problem bereitet, an dem wir nicht vorbeikommen. Gerade als Christen sollten wir da ehrlich bleiben, weil es uns sonst nicht hilft, und weil unser Glaube sonst nur eine billige Vertröstung wäre und nicht ein Trost, der aus der Tiefe des wirklichen Lebens erwächst.
Gott bewahrt uns nicht vor dem Leiden und dem Tod, weil er uns auch nicht vor dem Leben bewahrt. Aber Gott trägt uns im Leiden und er trägt uns im Leben und so gewiss auch auf unserem letzten Weg.
Gott mutet uns zu, dass wir diesen Weg bis zum Ende gehen. Gottes Zumutungen für unser Leben und unser Sterben sind dabei immer „Zu-Mutungen“ in jenem tieferen Sinne: Gott lässt uns den Mut zukommen, den wir brauchen. Und deshalb ist die Entscheidung zum soge-nannten „selbstbestimmten Sterben“, die in dieser Woche vom Bundesverfassungsgericht getroffen wurde, für Christen doch eine zwiespältige. Bischof Kohlgraf vom katholischen Bistum Mainz hat das für mein Empfinden auf den Punkt gebracht mit seinen Worten:
Wir Christen müssen weiter alles dafür tun, dass der Sterbende an der Hand eines Menschen stirbt und nicht durch die Hand eines Menschen, deshalb stehen wir nachdrücklich gegen alle Formen der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung.
Am Ende soll eine alte arabische Weisheitsgeschichte stehen. Sie scheint mir gut zu den Totentanzbildern von Hellmuth Pranz zu passen und zuletzt auch zu der Debatte um die Sterbehilfe.
Vor vielen Jahren lebte in Bagdad ein Händler. Der befahl seinem Diener, auf den Markt zu gehen, damit er Waren einkaufe. Als nun der Diener zurückkehrte, war er bleich und verstört und seine Hände zitterten. Er sagte: "Herr! Als ich für Euch auf dem Markt war, damit ich Waren kaufe, da spürte ich plötzlich den Blick eines Fremden. Und als ich mich umwandte, sah ich in der Menge den Tod. Mit dunklem Blick sah er mich an und mit einer furchtbaren Geste zeigte er auf mich. Oh, Herr! Leihe mir dein Pferd! So schnell ich kann will ich nach Samarra eilen. Dort wird der Tod mich nicht finden.“
Der Händler gab seinem Diener das Pferd. Dieser schwang sich in den Sattel, riss an den Zügeln und schlug dem Pferd die Fersen in die Flanken und, den spritzenden Sand unter den Hufen, galoppierte er die Straße hinab, die nach Samarra führt.
Nun ging der Händler selbst auf den Marktplatz. Und als er dort ankam, sah er den Tod zwischen den Menschen stehen, und er sprach ihn an. Er sagte: „Warum machtest du jene furchtbare Geste gegen meinen Diener heute Morgen?“ Der Tod antwortete: „Ich habe nichts dergleichen getan. Ich war nur überrascht, ihn hier zu sehen, auf dem Markt in Bagdad, wo ich doch eine Verabredung habe mit ihm heute Nacht in Samarra.“
(nach Somerset Maugham 1933)
Ich glaube, die Bilder von Hellmuth Pranz verhelfen uns dazu, dem Tod ins Auge zu sehen und unser Leben bewusster zu leben. Eben dazu verhilft uns auch der Glaube an den gekreuzigten Erlöser: Dass wir nicht mehr fliehen müssen, dass wir den Zumutungen standhalten lernen, mit der Kraft und dem Mut, die Gott uns schenkt, auch dann, wenn uns die letzte Schwachheit überfallen wird. Und dass wir das Leben lieben, an jedem Tag, der uns gegeben ist.
Amen.

© 2020 Pfarrer Peter Remy, Karl-Weitz-Str. 30, 36304 Alsfeld


Gemeinde für...


Ich möchte...

 

Startseite | Kontakt | Galerie | Sitemap | Links | Impressum
Datenschutz
Die Gemeinde | Aktuell | Gottesdienst | Veranstaltungen
Gruppen | Menschen | Kirchenmusik | Kindertagesstätten


© 2009-2020 Evangelische Kirchengemeinde Alsfeld
Am Lieden 4a  36304 Alsfeld
Tel: 06631-4496  E-Mail: info(at)evangelische-kirche-alsfeld.de


 
Akzeptieren

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren