Wort für die Woche - 4. Sonntag der Passionszeit (Lätare, 22.03.2020) - Pfr. Peter Remy

Liebe Leserinnen und Leser,

am Sonntag war der 4. Sonntag der Passionszeit, der im Kirchenjahr den Namen "Lätare" trägt, das heißt „Freue dich“, benannt nach dem Vers Jesaja 66, 10 „Freuet euch mit Jerusalem...“. In der Christenheit wird dieser Sonntag inmitten der Passionszeit von alters her als „kleines Osterfest“ bezeichnet, als Erinnerung daran, dass uns mitten im Leiden und in schwierigen Zeiten nicht die Perspektive verloren geht, der Ausblick, der Horizont. So spricht schon der Name des Sonntags in dieser Zeit für sich, im Grunde ist der Name allein schon eine Predigt für uns, wenn wir zu hören vermögen.
Zu hören, das fällt in diesen Tagen und Wochen besonders schwer, weil wirkliches Hinhören erfordert, wirklich still zu werden. Wie können wir still werden in dieser Zeit, in der die Wellen so hoch schlagen? Die schlimmen Nachrichten über die Ausbreitung des Coronavirus stürmen im Minutentakt auf uns ein. Wir versuchen, uns dagegen zu wappnen. Ich selber habe in der letzten Woche gespürt, dass es hilft, wenn „man etwas dagegen tun kann“. Ich war viele Stunden mit dem Krisen-management in unseren Kitas, im Büro, in der Gemeinde, im Dekanat, beschäftigt. Meinen Kollegen ging es nicht anders.
Da sind viele Dinge, die erst einmal getan werden müssen, man kann viel organi-sieren, das tut in der Aufregung irgendwie auch gut. Aber mittlerweile merke ich: Es erschöpft auch kolossal. Das liegt sicher auch daran, dass die Ängste, die immer mitschwingen und die sich durch unsere Aktivität höchstens ein wenig betäuben lassen, viel Energie kosten. Die Psychologen sprechen deshalb auch von „Abwehrarbeit“, weil die menschliche Psyche in einer solchen schwierigen Zeit viel leisten muss, um mit der Angst zurechtzukommen. Das macht müde. Vielleicht geht es Ihnen auch so.

Menschen finden ganz verschiedene Wege, ihre Ängste abzuwehren und in Schach zu halten, auch in der augenblicklichen Situation. Manche sagen, „das ist doch alles übertrieben, es wird schon nicht so schlimm kommen“. Solche Aussagen mögen uns dumm erscheinen, aber für manchen ist es vielleicht die einzig mögliche Form der Abwehr seiner tiefsitzenden Ängste. Andere wiederum werden jetzt besonders aktiv, stürzen sich Hals über Kopf in die Bewältigung der Krise oder in irgendeine Arbeit, entwickeln Ideen, was wir jetzt alles tun könnten und „müssten“, wieder andere schicken über „Whats App“ oder auf anderem Weg Botschaften, Ka-rikaturen, Empfehlungen an ihre Mitmenschen.
Wenn ich gerade hinausschaue aus meinem Büro, sehe ich einen strahlend schönen Frühlingstag, blauer Himmel, die Vögel zwitschern. „Lätare“ heißt der vergangene Sonntag, das „kleine Osterfest“ mitten in der Passionszeit, von alters her. Der Name und das „kleine Osterfest“ erinnern uns daran, dass wird die Perspektive nicht verlieren sollen, den Ausblick, den Horizont, in dem wir alle stehen. Gott ist da, auch in der schweren Zeit.
Der biblische Wochenspruch für die neue Woche lautet: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12, 24)
Auch dieses Wort spricht zu uns, wenn wir die Stille finden um hinzuhören. Ja, ich glaube auch, dass es hilfreich sein kann, wenn wir uns unseren eigenen Ängsten stellen und sie nicht nur irgendwie wegschieben. Vielleicht meint Jesus das, wenn er sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16, 33).
Es ist Passionszeit, Fastenzeit, und für mein Empfinden sollte uns das welterschütternde Ereignis der Corona-Pandemie einmal innehalten und zurücktreten lassen von all dem, was wir so tun in unserer Geschäftigkeit, in unserer scheinbar so grenzenlosen Mobilität, nicht nur als einzelne Menschen, sondern auch als „Kirche“ insgesamt.
Gestern las ich irgendwo den Satz: „Das Meer spiegelt umso mehr den Himmel wider, je ruhiger und stiller es wird.“
Vielleicht gilt das auch für uns.

So grüße ich Sie herzlich, auch im Namen meiner Pfarrerkollegen Theo Günther und Uwe Ritter.

Bleiben Sie gesund und behütet
Ihr Pfarrer Peter Remy